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Festrede zur Eröffnung des Frankenburger Würfelspiels 2019

Copyright: René Freund

Sehr geehrte Damen und Herren!

Die ersten sechs Jahre meines Lebens habe ich in München verbracht, die nächsten 16 Jahre in Wien. Ich bin jetzt 52 Jahre alt, seit 30 Jahren in Oberösterreich, weit mehr als die Hälfte meines Lebens. Dass ich heute hier in Frankenburg, wo die Geschichte des Landes so entscheidend geprägt wurde, die Festrede halten darf, ist eine besondere Ehre für mich, fast so etwas wie die Verleihung der Landes-Staatsbürgerschaftsurkunde.

Meine Damen und Herren, was macht das Oberösterreichische aus? Natürlich habe ich mich in den letzten dreißig Jahren mit der Geschichte, den Menschen, der Sprache dieses Landes beschäftigt. Ich werde es wohl in diesem Leben nicht mehr schaffen, ein native Speaker zu werden, muss ich doch immer noch überlegen, ob man jetzt auffi- oder owageht, umi- oder umakimmt, aussi- oder einafahrt. Ich weiß, dass man hierzulande nicht zwei sagt, sondern zwoa, aber nicht droa, sondern drei. Ich verstehe das zwar nicht, aber ich habe es fast schon verinnerlicht.

Ja, das verinnerlichen. Kann man eine Landschaft verinnerlichen? Ich denke schon. Die sanften Hügel des Alpenvorlandes, die Wälder bei uns in Grünau im Almtal, die schroffen Berge, die Almen mit den glockenbimmelnden Kühen und vor allem das Wasser, dieses glasklare, wunderbare Wasser der Traun oder der Alm oder des Attersees, sie sind da in meinem Kopf und in meinem Herzen, wenn mich jemand fragt, was für mich Heimat ist.

Und dann sind da die Menschen. Natürlich gibt es DEN Oberösterreicher, DIE Oberösterreicherin nicht. Allerdings sind mir im Laufe der Jahre doch einige Besonderheiten aufgefallen. Oberösterreicher haben zum Beispiel alle eine Anhängerkupplung am Auto, was daran liegt, dass sie gerne Steine oder Bäume von A nach B transportieren. Oberösterreicher sind sehr fleißig, das merkt man nicht nur an den Wirtschaftsdaten des Landes, das merke ich auch ganz persönlich, weil der Tag rund um mich um sechs Uhr früh mit einer Motorsäge beginnt und gegen 20 Uhr mit einem Rasenmäher endet.

Da sind sie stur, die Oberösterreicher, und damit komme ich zu den Helden des Frankenburger Würfelspiels: Man lässt sich hierzulande nicht gerne etwas dreinreden oder vorschreiben. Von den versteckten Protestanten im inneren Salzkammergut oder im Hausruckviertel über die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus in Ischl, Ebensee, Goisern bis hin zu den unzähligen freiwilligen Helferinnen und Helfern bei Feuerwehr, Rettung, in der Flüchtlingshilfe oder hier bei den Frankenburger Würfelspielen: Ich habe Oberösterreicher – und verzeihen Sie, wenn ich das jetzt nicht genderkonform sage, als „wüde Hund“ mit dem Herz am rechten Flecken erlebt.

„Hüft ja ned“, sagt man hierzulande gerne, aber damit ist nicht gemeint, dass man nicht hilft, sondern im Gegenteil, dass man seiner Überzeugung folgt, auch wenn es einem nicht hilft. „Hüft ja ned“ ist sozusagen der oberösterreichische kategorische Imperativ, ein Wissen darum, was Recht und was Unrecht ist, und dieses Wissen ist eng verknüpft mit dem Begriff der Freiheit.

Und Freiheit, meine Damen und Herren, Freiheit ist für mich der zentrale Begriff des Frankenburger Würfelspiels.

Wie sähe die Welt aus, wenn damals vor bald 400 Jahren nicht ein paar mutige Menschen aufbegehrt hätten gegen das, was ihnen von einer gierigen Kirche und den Herrschern von „Gottes Gnaden“ aufgezwungen wurde? Wir würden nicht hier sitzen mit demokratisch gewählten Vertretern unseres Landes, sondern mit juwelenbehängten Kardinälen und Kaisern, Königen oder Fürsten, deren Legitimation nur aus Blauem Blut besteht. Nein, wir würden natürlich gar nicht hier sitzen, denn das Frankenburger Würfelspiel als Mahnung vor dem Missbrauch der Macht hätte es nie gegeben.

Wie sähe die Welt aus, wenn man den braunen Schergen keinen Widerstand geboten hätte? Der Widerstand gegen Hitler, wie wir wissen auch ein Oberösterreicher, musste leider in Form von gigantischen Armeen und einem verheerenden Krieg kommen, weil man es zuvor verabsäumt hatte, sich zu wehren.

Und heute? Wie wird die Welt aussehen, wenn wir uns nicht wehren? Wehren gegen ein System, das grenzenloses Wachstum auf seine Fahnen geschrieben hat, gegen ein System, an dem aber die Welt zugrunde geht, von dem sogar der Papst sagt: „Diese Wirtschaft tötet.“ Sie tötet Menschen, sie tötet den Planeten, Stichwort: Ja, Klimawandel, dank unserer engagierten Kinder kommen wir nicht mehr umhin, uns damit zu beschäftigen. Freilich, wir als Einzelne können den Klimawandel nicht aufhalten. Aber alle, die auch nur bereit sind, zu hinterfragen, sind Sand im Getriebe der Maschinen und Maschinerien, die unsere Welt kaputt machen. Ein Sandkorn ist nichts, ein Mensch allein kann nicht alles ändern … aber er kann Bewusstsein schaffen, andere überzeugen, oder zumindest dazu beitragen, dass sie nicht allein sind. Ist das so schwer? Ich glaube nicht. Wir dürfen nur nicht verlernen, auf die Stimme unseres Herzens zu hören. So wie es einige Bauern vor 400 Jahren gemacht haben, weil sie frei sein wollten.

Das Wort Freiheit leitet sich aus dem germanischen fri-halsa ab. Das meinte so viel wie: Jemand, dem sein Hals selbst gehört. Möglicherweise war das auch der Grund dafür, warum Freiheitskämpfer und Rebellen wie hier an diesem Platz gehängt wurden: Ihr Hals gehörte ihnen nicht mehr, sondern dem Galgen der Machthaber.

Freiheit wird heute von vielen so selbstverständlich als Recht empfunden, aber ich denke, sie ist auch eine Aufgabe, eine Pflicht. Ich bin überzeugt, die Menschen guten Willens sind in der Mehrheit. Aber wir müssen lauter werden! Lauter als die, die weiterhin grenzenloses Wirtschaftswachstum fordern, lauter als die, die sagen, das Klima wäre ein sekundäres Problem, lauter als die, die nach Grenzen schreien, die den Nationalismus propagieren, als ob man nicht gesehen hätte, wohin der führt! Lauter als die, die stückchenweise die Freiheit beschneiden und das europäische Friedensprojekt zerstören wollen. Wir dürfen gar nicht damit beginnen, uns mit Personen und Parteien zu arrangieren, bei den man „viel hinunterschlucken“ muss. Oja, und wir alle mussten einiges hinunterschlucken, Sie spüren es sicher, da wird es eng hier, da kann man den Galgen schon ahnen. Nein, wir dürfen nie müde werden, unsere Freiheit, unseren Hals zu verteidigen.

Meinen Damen und Herren, und lassen Sie mich noch kurz vor Schluss die Perspektive wechseln, denn selbstgefällig wollen wir nicht werden: Sie meinen es eigentlich gut, die Machthaber, die die „Gnade“ des Würfelspiels gewähren. Sie lassen ja ein paar überleben. Auch der „Statthalter“ steht unter Druck, er muss sich vor höheren Instanzen rechtfertigen, so wie unsere Politiker vorgeben, Opfer der Sachzwänge zu sein – sie können zum Beispiel keine Finanztransaktionssteuer beschließen, denn der Markt will das nicht, und Kerosin darf nicht teurer werden, denn der Markt erlaubt es nicht und Tiere müssen über hunderte Kilometer von hier nach dort gekarrt werden, denn der Markt verzeiht kein Mitgefühl.

Und ja, auch wir meinen es gut, wir Reich- und Wohlgeborenen, wir nehmen ja Menschen aus Afrika, aus Syrien, aus dem Nahen Osten auf, die vor einem Elend flüchten, das unser Lebensstil erzeugt. Denn sie flüchten wegen unserer billigen Banane, wegen unseres übervollen Kleiderschranks, wegen unseres täglichen Benzins und wegen der Kriege, die unser nicht mehr so genannter Kolonialismus begonnen hat. Das haben wir alle verursacht, und unseren Mitmenschen gönnen wir ein Würfelspiel: Bleibst du in dem Folter-Lager in Libyen oder kommst du auf ein Schiff? Würfle, wirf! Überlebst du die Überfahrt oder ertrinkst du im Mittelmeer? Würfle, wirf! Bleibst du in Lampedusa hängen oder kommst du aufs Festland? Würfle, wirf! Fällst du der Mafia in die Hände und landest auf einer Plantage oder kommst du nach Österreich? Würfle, wirf! Dauert dein Verfahren zwei Monate oder zwei Jahre? Würfle, wirf! Bekommst du Asyl oder wirst du abgeschoben? Würfle, wirf!

Ich sehe darin die große Botschaft des Würfelspiels: Wenn wir unseren eigenen Hals retten wollen, dann müssen wir den der anderen auch retten. Freiheit und Wohlstand nur für die Mächtigen der Welt: Das ist sich noch nie ausgegangen in der Geschichte. Die arroganten Herrscher, seien es Kaiser und Könige, Stalinisten oder Maoisten, Nazis und Faschisten, sind immer hinweggefegt worden von jenen, die nicht in Freiheit leben konnten.

Wenn wir frei bleiben wollen, müssen wir die Freiheit aller anderen auch verteidigen. Wir müssen alle leben lassen, die Menschen und die Erde, und das wird nur gehen, wenn wir wieder lernen zu teilen.

Meine Damen und Herren: Hüft jo ned, höf ma zsamm!

Bericht aus den Oberösterrichischen Nachrichten hier nachzulesen.

 

Im September 2019 erscheint mein neuer Roman:

Mehr dazu hier

Alles neu macht der Mai – am 14.5.2018 erschien mein neues Buch “Ans Meer”.

Meer dazu hier

Trailer zum Buch:

 

 

“Niemand weiß, wie spät es ist” – ein kleiner Pressespiegel:

Eine ebenso lange wie feinsinnige Kritik gab es im extra der Wiener Zeitung.

Im KURIER hat Peter Pisa sehr freundich rezensiert:

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Auch Dominika Meindl im Falter meint es gut.

 

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Mehr dazu hier: Hanser Literaturverlage.

 

 

“Mein Vater, der Deserteur”

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Die Presse vom 25.10.2014: “Der unbekümmerte Held”Sein Vater desertierte mit 18 Jahren aus der Wehrmacht und sprach nie mehr darüber. Aus seinem Kriegstagebuch hat René Freund ein Buch gemacht.

Kurier vom 25.10.2014: Hast du im Krieg jemanden erschossen, Papa?” – Ein überraschend entdecktes Tagebuch führt zu “Mein Vater, der Deserteur”.

Der Standard vom 24.10.2014: “Nicht von Sensationsgier getrieben, sondern von dem Wunsch zu verstehen” - René Freund hat mit dem Buch “Mein Vater, der Deserteur” nicht bloß seine Familiengeschichte aufgeschrieben, sondern auch aufgezeigt, wie wichtig es ist, sich seiner Familiengeschichte zu stellen.

Ö1 Beispiele vom 24.10.2014: Literarische Neuerscheinungen aus Österreich: “Mein Vater, der Deserteur – Eine Familiengeschichte”. Von René Freund. Es liest Harald Pfeiffer

Neues Volksblatt vom 23.10.2014: “René Freund: Liebevolle Annäherung an den Vater”„Eine Frage wollte ich meinem Vater immer stellen: Hast du einen anderen Menschen erschossen”, schreibt René Freund in seinem bemerkenswerten Buch über seinen früh verstorbenen Vater Gerhard Freund (den späteren österreichischen Fernsehdirektor). Er habe es nie gewagt. Aus Angst, dem Vater wehzutun, aus Angst auch, etwas zu erfahren, was sein Vaterbild getrübt hätte?

OÖ-Nachrichten vom 17.10.2014: “Mein Vater erzählte nichts vom Krieg”GRÜNAU. Der Grünauer Schriftsteller René Freund schrieb ein Buch über die Kriegserlebnisse seines Vaters. “Die Arbeit war aufwühlend für mich”, sagt er im OÖN-Gespräch.

OÖ-Nachrichten vom 14.10.2014: “Der Nationalsozialismus gehört zu jeder österreichischen Familie”René Freund begibt sich in seiner Familiengeschichte “Mein Vater, der Deserteur” auf eine eindringliche Spurensuche in der NS-Zeit.

Tips vom 30.9.2014: “Buchvorstellung: Auf den Spuren der eigenen FamilieGRÜNAU. Die eigene Familiengeschichte hat René Freund zum Thema seines aktuellen Buches „Mein Vater, der Deserteur“ gemacht.